29. Januar 2009 / , , , , , , , , / Henry / 0c

Erleben und/oder Analysieren?

Ich erlebe sehr gerne Kultur und liebe es auch, sie zu enträtseln und zu verstehen. Doch ist es eigentlich immer gut, über Werke nachzudenken? Könnte es denn nicht sein, dass wir durch unseren Willen, einen Sinn hinter der Kultur zu erkennen, unsere eigenen Gefühle und unser Erlebnis schmälern?

Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir zunächst überlegen, warum wir überhaupt Kultur erleben wollen und was hinter unserer Bestrebung steckt, Kultur zu erfassen. In diesem Zusammenhang stellt Kultur für mich jegliches erzeugtes Produkt dar, das einen Menschen bewusst informieren oder unterhalten möchte. Dies umfasst zum Beispiel Filme, Bücher, Bilder, Musik oder Hörspiele.

Die zwei Grundaufgaben der Kultur ergeben sich dahingehend bereits aus ihrer Definition. Kultur dient der Information und der Unterhaltung. Doch warum wollen wir informiert und unterhalten werden? Informationen sind für unseren Körper eine wichtige Grundlage sich selbst zu erhalten. Je mehr wir wissen und aufnehmen, desto besser finden wir uns in unserer Welt zurecht und können unseren Fortbestand sichern.

Der Grund für Unterhaltung hingegen ist wesentlich schwieriger zu begründen. Wenn wir davon ausgehen, dass unser Körper grundlegend faul ist und danach strebt, so wenig Schmerzen wie möglich zu verspüren, dann entsteht der kulturelle Drang nach Unterhaltung aus dem Umstand heraus, dass Unterhaltung in erster Instanz unseren Körper beruhigt und in zweiter psychologische Schmerzen wie Einsamkeit, Trauer oder Wut einschränkt. Unser Körper weiß, dass wenn wir entspannt sind, weniger das Verlangen haben, Energie zu verbrauchen und das wiederum führt dazu, dass eine geringere Chance besteht, dass wir uns verletzen.

Nachdem diese Grundlagen geklärt sind, müssen wir uns aber fragen, warum einige Menschen versuchen, Werke grundlegend zu verstehen, anstatt sie einfach über sich ergehen zu lassen. Die Faszination der Analyse lässt sich vielleicht am ehesten mit der Überschneidung von Information und Unterhaltung auf der einen Seite und dem Suchen nach einer tiefgründigeren Unterhaltung auf der anderen Seite erklären. Zuerst einmal müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, dass Unterhaltung und Information zwei Kategorien sind, die wir willkürlich festgelegt haben.

Unser Gehirn weiß nicht, was reine Unterhaltung oder reine Information ist, sondern kann nur die Daten auswerten, die wir über unsere Sinnesorgane aufgenommen haben. Wir wissen nicht, ob die Daten vor der Aufnahme direkte Unterhaltung oder direkte Information sind, deshalb überprüft unser Gehirn die eingegangenen Informationen und erstellt daraus dann ein entsprechendes Muster. Dadurch sind wir grundlegend dazu gezwungen eine Analyse auszuführen, auch wenn wir nicht weiter darüber nachdenken wollen.

Die Suche nach einer tiefgründigeren Unterhaltung ist im Gegensatz dazu keine unmittelbare Verpflichtung. Es stellt vielmehr den Reiz dar, etwas vollständiger zu erleben und dadurch eine bessere und eben auch tiefgreifendere Erfahrung zu machen. Wenn wir zum Beispiel einen Witz in einem Film verstehen, dann ist das eine Sache, wenn wir aber verstehen, dass der Witz einen Bezug zum Geschehenen herstellt, dann amüsieren wir uns gegebenenfalls auch stärker.

Dieses Thema wird aber sehr viel komplizierter, wenn wir uns mit Referenzen oder Hommagen befassen. Wenn ein Witz und eine Szenerie eines Filmes sich an einen anderen Film anlehnt, bewusst oder unbewusst, kann das entweder zu einer erhöhten Unterhaltung (Satire, Parodie) oder aber auch zu einer Ablehnung (Abklatsch, Fake, Fälschung) führen. Auch wenn man die aufgeführten Formen nicht wirklich in gut/annehmbar oder schlecht/verpönt unterteilen kann, so sollen sie doch den Umstand aufzeigen, dass ein umfangreiches Kulturwissen nicht immer dazu führt, dass man die künstlerische Arbeit im Allgemeinen mehr wertschätzt.

Sollte man nun dementsprechend unbedingt zwischen Erleben und Analysieren unterscheiden oder wäre es nicht richtiger, wenn man sie als zwei Teile derselben Wahrnehmung bezeichnen würde. Natürlich kann man aufgabenorientiert analysieren und wesentlich mehr entdecken, als man beim ersten flüchtigen Überfliegen überhaupt bemerkt hat. Dennoch muss das nicht bedeuten, dass dadurch das Erlebnis geschmälert wird.

Für viele Menschen, die sich an einer Analyse versuchen oder grundlegend eine analytische Haltung gegenüber Kultur aufweisen, besteht das Erlebnis gerade darin, die entsprechende Technik zu erkennen oder die Referenzen aufzuschlüsseln. Das Erleben wird hierbei nicht auf das Erfahren, sondern viel stärker auf das Entdecken zurückgeführt. Das Entdecken bestätigt dann die Auffassung, das man mit den richtigen Verfahren so gut wie alles erklären kann und dementsprechend davor keine Angst mehr haben muss.

So ergibt sich das Erleben für diese Menschen aus der Analyse, während auf der anderen Seite die Analyse sich natürlich aus der Aufnahme der Daten aufbaut. Das Erleben und die Analyse sind somit in Hinsicht auf die Gefühle sehr stark miteinander verknüpft, auch wenn das den meisten Menschen sicherlich nicht bewusst sein wird. Ich freue mich allerdings darauf, bald wieder einen Film zu analysieren und meine Gedanken hier niederzuschreiben.