2. Mai 2008 / , , , , , , , , , , , , , / Henry / 0c

Die Bedeutung des Wortes

Es gibt in der heutigen Zeit eine Vielzahl von Worten, die jedes für sich genommen eine Aufgabe erfüllen und je nach Betrachtungsweise entweder sinnvoll oder eben weniger sinnvoll erscheinen. Manche Menschen glauben, dass Wörter, die neu in eine Jugendsprache eingeführt wurden, eine ältere und um einiges “saubere” Sprache ernsthaft beschädigen und keinen wirklichen Zweck erfüllen würden. Ich bin nicht mehr dieser Auffassung.

Früher war ich der Auffassung, dass Generationssprache, also die Sprache einer bestimmten Gruppe von Leuten, die entweder unter ähnlichen Umständen oder aber im etwaigen Umfeld einer Vergleichsgruppe geboren wurden, keine wirkliche Funktion besitzt. Sie ist so wie fast jede Sprache ein Ausdruck der Gemeinschaft, mehr nicht. Es war auch nie die Rede davon, dass sie mehr sein müsste. Allerdings habe ich in diesem Konstrukt nicht weitergedacht. Wenn Sprache ein Ausdruck der Gemeinschaft ist, dann muss Sprache gleichzeitig auch eine Gemeinschaft und damit einen Zusammenhalt wiederspiegeln.

Zuerst dachte ich deshalb, dass damit die Generationssprache mit ihren mehr als merkwürdigen Begriffen einen völlig überflüssigen Teil zur allgemeinen Sprache beitragen würde. Dabei habe ich aber vergessen, dass Wörter nicht immer nur dann verwendet werden, wenn man sie wirklich benutzt, sondern gleichfalls, wenn man versucht sie zum Thema zu machen und zum Beispiel ein Gespräch über sie beginnt.

Wenn also sich alte Leute darüber aufregen, dass neue Sprachfragmente in die Alltagssprache mit einfließen, dann unterstützen sie diesen Prozess mit ihrem Gehabe eigentlich nur. Es gibt eine Reihe von Wörtern aus der Jugendsprache, die ich nicht mag, weil ich persönlich der Auffassung bin, dass Coolheit auch zum Teil ein Ausdruck von Würde und Gefasstheit ist. Zwar stimmt das nicht vollkommen, aber ein Mafia-Film, in dem ständig irgendwelche deprimierten Mafiosi in der Ecke sitzen und heulen, weil sie nicht damit fertig werden, dass sie wirklich Mafiosi sind, ist nicht mehr so glaubhaft wie das Ideal von einem “Scarface“. Für mich ist es daher völlig natürlich auf Fäkalsprache nicht unbedingt mit Fäkalsprache zu reagieren. Dennoch ist es falsch zu glauben, dass die Welt ohne diese Wörter besser auskommen würde, da jedes dieser Wörter eine Begrifflichkeit und eine Bedeutung mitbringt, die vollkommen losgelöst von der bisherigen Gesellschaft steht.

Neologismen bieten einfach die Möglichkeit Wörter mit einem neuen, vielleicht freien Hintergrund zu erschaffen. Das hat den Vorteil, dass die Wörter weder politisch aufgeladen noch in sonstiger Weise durch ihren Hintergrund unterdrückt werden. Das erreicht man mit einer Wortneuschöpfungen leider nicht immer, da sie sich erstens auf ein vorhandenes Wort beziehen muss, um eine Bedeutung zu erlangen und zweitens vielleicht sogar eine Ableitung aus einem bereits mit einem Hintergrund versehenen Wort darstellen könnte.

Um das Ganze zu verdeutlichen nehme ich mir einmal das Wort “Manifest” vor. Der Begriff “Manifest” ist politisch aufgeladen durch das kommunistische Manifest von Marx und Engels. Das hat damit zu tun, dass gerade diese beiden Theoretiker einen großen Einfluss auf die Arbeiterbewegung, auf den Kommunismus und auf den Weg der Sowjetunion ausübten. Sie stellen mit Lenin zusammen eigentlich die totale Linke dar und werden dafür zum Teil von jeder Seite geliebt und verachtet.

Das “Manifest” bezeichnet an sich nur eine Reihe von Zielen, die in der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Im Englischen wird “Manifest” oder deren Verbalisierung “to manifest something” auch häufig als “sich etwas bewusstmachen” verwendet. Manifeste dienen also gleichzeitig auch dazu, sich selbst bewusst zu machen, was man eigentlich erreichen möchte. Die Gesamtheit der Wahlversprechen einer Wahlperiode einer Person könnte man grundlegend als “Manifest” bezeichnen. Ob das irgendjemand, der nicht eine radikale linke Partei aufbauen möchte, machen würde, darf bezweifelt werden.

Was passiert nun jedoch, wenn wir verschiedene Neologismen entwickeln, um “Manifest” in seiner politisch aufgeladenen Situation nicht mehr verwenden zu müssen? Zu dieser Fragestellung werde ich zwei Wörter entwickeln, die entweder keine oder alle meiner theoretischen Folgen eines Neologismus erfüllen (1. Übernahme des Hintergrundes durch Relativität, 2. Übernahme des Hintergrundes durch Gleichheit oder Ähnlichkeit). Zu “Manifest” ist in diesem Zusammenhang das erste Wort ohne Hintergrund durch Relativität zu anderen Wörtern und ohne Hintergrund durch Gleichheit oder Ähnlichkeit zum Ursprungsbegriff “Zielschriftung”. “Zielschriftung” nutzt dabei die Wortbedeutung des Wortes “Manifest”: “Ziele öffentlich machen” und bildet den Prozessneologismus “Schriftung”, für das Erschaffen einer Niederschrift.

Ziele werden Teil einer Niederschrift (Öffentlichkeit): Zielschriftung (“Manifest”). “Zielschriftung” bekommt seine Bedeutung durch die gleichen Wörter, die auch Manifest beschreiben. Allerdings ist “Zielschriftung” völlig frei von irgendeiner Geschichte, sodass es ebenso völlig frei neben “Manifest” existieren kann ohne einen Hintergrund durch einen Bezug zu anderen Wörtern zu übernehmen und ohne einen “starken” Hintergrund eines gleichklingenden Wortes zu übernehmen. “Schrift” ist zwar in der Bedeutung eines Textes eher ein altmodischer Begriff, dennoch ist dieser Hintergrund im Vergleich zum kommunistischen Manifest noch zu verkraften.

Der zweite Neologismus zum Begriff “Manifest” mit einem Hintergrund durch Relativität zu anderen Wörtern und mit Hintergrund durch Gleichheit oder Ähnlichkeit zum Ursprungsbegriff ist das Wort “Manifestum”. Dieses bezeichnet eine größere Veröffentlichung eines Manifestes. Nun erkennen wir bereits im entstandenen Wort das Ursprungswort, was den Leser sofort wieder zu diesem zurückführt und mit dem ursprünglichen Hintergrund verbindet. Gleichzeitig wirkt in zweiter Instanz ebenso auch die Definition, die die Aussage macht, dass es sich um eine “größere Veröffentlichung eines Manifestes” handelt. Da “Manifest” als Grundlage gewählt wurde, um das neu entstandene Wort zu beschreiben, wirkt natürlich gleichzeitig auch hier der Hintergrund.

Es zeigt sich, dass Wörter, die neu in die Sprache eingeführt werden immer einen Zweck erfüllen. Dieser besteht darin, Wörter zu schaffen, die völlig frei von irgendwelcher Geschichte sind. Geschichte ist uncool. Geschichte macht das Gefühl kaputt, etwas Neues geschaffen zu haben. Und Geschichte ist immer nur so wichtig wie die Bedeutung die der Geschichte zukommt. Wir haben es deshalb in der Hand unsere eigene Geschichte durch unsere eigenen Wörter zu bestimmen und das ist es auch, was ich so an der Sprache so bewundere.