24. November 2008 / , , , , / Martin / 7c

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Bücher, die uns der Deutschunterricht genötigt hatte zu lesen, standen zuletzt nicht in meiner Gunst und lesen wollte ich sie gleich gar nicht und so gingen die großen Klassiker “Die Blechtrommel” von der ich nur knapp hundertzwanzig Seiten von insgesamt siebenhundertachtzig gelesen habe, “Minna von Barnhelm”, das ich komplett nicht gelesen habe, und “Frau Jenny Treibel”, welches ich anfangs auch sehr interessant fand, es aber nie wirklich bis zum Ende gelesen habe, fast spurlos und ohne tiefere Eindrücke an mir vorbei.

Und warum war dem so? Weil sie, wie der erste Satz dieses Artikels viel zu lang und kompliziert geschrieben worden sind und meiner Meinung nach so total ihre Intention unterschlagen wurde. Und auch wenn ich es auf einer Seite auch ziemlich bedaure die große “Blechtrommel” nicht durchgelesen zu haben, denn ich bin großer Fan der Trümmerliteratur, so muss ich auf der anderen Seite zugeben, dass ich auch weiterhin davon absehen werde, Grass’ wohl größtes Werk zu lesen. Die Wucht, der Umfang, lässt meine Hand immer wieder kurz vor dem Greifen zum Buch erzittern und ich lasse es dann weiter vor sich hin gammeln.

Aber nun zum Eigentlichen dieses Artikels, denn endlich ist das Eis wieder gebrochen und nach “Wo warst du, Adam?” ist Brechts Theaterschauspiel “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui”, was mir in Buchform vorliegt, das erste Werk das ich vollständig durchgelesen habe. Nicht nur das. Ich habe es mit großer Freude und Genuss an jeder einzelnen Zeile gelesen. Ich bin sogar soweit gegangen, mich über das Werk hinaus noch mit ihm zu beschäftigen, habe mir ausreichend Hintergrundwissen im Internet verschafft und den Anhang des Buches mit großer Bewunderung gelesen. Und es ist tatsächlich sehr schade das meiner Deutschlehrerin nicht das Glück zu Teil werden wird, diesen Artikel hier zu lesen, denn sie hat so etwas wie Internet nicht. Ich hoffe, sie wäre stolz auf mich, würde sie diese Zeilen hier lesen.

Nun also zum Werk selbst. Und wie es sich für eine Rezension gehört, muss natürlich erst einmal die Handlung dargestellt werden und um eines gleich vorwegzunehmen, auch wenn es beim Lesen vielleicht Illusionen zerstört: Hinter dem als Gangster dargestellten Arturo Ui, aus der Bronx stammend, verbirgt sich niemand anderes als Adolf Hitler. Aber ich denke, wenn man das Buch mit dieser Information liest, wird einem der satirische Hintergrund dieses Werkes und sein aufklärender Charakter immer wieder deutlich ins Bewusstsein gerufen und nur so kann man auch das Ende richtig verstehen und deuten.

Brecht erzählt die Geschichte von Hitlers Machtaufstieg und die Greueltaten, die dazu nötig waren, in dem er die Figuren in ein anderes Milieu versetzt.

Und zwar nach Chicago. Hier herrscht eine große finanzielle Krise und die Handelsleute fürchten um ihre Geschäfte. Da taucht der Gangster Arturo Ui auf, der (zuerst auf legalem Wege) versucht, die Händler zu überreden, dass er ihre Geschäfte unter seine Fittiche nehmen würde und so das Chicagoer Geschäftswesen in seiner Hand hat. Jedoch lehnen die Handelsleute das ab und Ui gerät zunächst in den Hintergrund.

Die Gemüsehändler wenden sich nun an den alten Dogsborough (der für den alten Hindenburg stehen soll). Er soll ihnen Geld für den angeblichen Bau von Kaianlagen beschaffen. Dieser lehnt das aber ab, denn er vermutet, dass die Händler das Geld nicht für die Kaianlage ausgeben werden. Daraufhin planen ein paar der Gemüsehändler eine Intrige gegen Dogsborough: Sie überzeugen einen Mann, Sheet, seine Reederei dem Karfioltrust (also dem Verband der Gemüseläden) zu verkaufen, welcher die Reederei billig an Dogsborough weiterverkauft. Damit ist Dogsborough selbst so etwas wie Mitglied des Trusts und sieht sich nun gezwungen, das Geld für die Kaianlagen abzudrücken. Jedoch werden diese nicht gebaut, das Geld wird nicht für das Wohl der Stadt ausgeben und somit veruntreut.

Ui, der selbst nicht mehr weiter weiß und doch so gern den Gemüsehandel unter seiner Gewalt hätte, sieht nun keinen Ausweg mehr. Dann erfährt er von der Intrige des Karfioltrusts und Dogsboroughs, der bisher immer als unbescholten galt. Ui erpresst ihn mit diesem Umstand und verlangt von Dogsborough, dass er für ihn bürgen werde in bestimmten Situationen, sodass er keine Angst vor der Polizei zu haben brauche. Dogsborough geht den Deal ein, denn seine weiße Weste soll ja nicht befleckt werden. Damit hat Ui schon einmal jemanden von ganz oben an seiner Seite und sein Machtaufstieg kann beginnen.

Und so beschreibt Brecht im Weiteren sehr sarkastisch, aber auch erschreckend den Aufstieg Uis, der nicht nur seine Gegner kaltblütig umbringen lässt, sondern sogar seinen einst engen Freund Ernesto Roma (hinter dieser Figur verbirgt sich Ernst Röhm), da dieser eine Gefahr für Ui darstellt. Weiterhin begehen seine Leute heimtückische Taten, für die sie dann andere, ihre Feinde, verantwortlich machen und schaffen diese so aus dem Weg. Auf dem Höhepunkt seiner macht hat Ui seine Herrschaft über den Gemüsehandel terretorial ausgeweitet und bringt Leid unter das Volk, dem er doch immer versprochen hat, ihre Lage zu verbessern.

Und das alles kommt einem doch sehr bekannt vor und wenn Brecht im Epilog des Werkes meint:
So was hätt einmal fast die Welt regiert, die Völker wurden seiner Herr, jedoch, das keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, dann ruft er das Volk dazu auf, Widerstand zu leisten gegen solche wie Ui. Denn schon der Titel “Der aufhaltsame Aufstieg…” impliziert, das an vielen verschiedenen Stationen auf Uis Weg zur fatalen Machtergreifung (und im übertragenden Sinne gegen Hitler) etwas hätte dagegen getan werden können, um dessen Schreckensherrschaft zu verhindern.

Warum also transferiert Brecht die Person Hitlers in ein völlig anderes Millieu und macht ihn zu einem einflussreichen Gangster? Nun, erst einmal ist das greifbarer für uns kleinbürgerliche Menschen, wenn auch nicht gewohnt, dann doch greifbarer und vorstellbarer, als der Aufstieg Hitlers. Dieser wird, ob nun im negativen oder im positiven Sinne heute oft als Held angesehen, als ein großer Mann. Und hier ist Brechts zweite Intention erkennbar, denn durch das Darstellen Hitlers als Chicagoer Gangster, macht er sich über ihn lustig. Darf man sich über einen solchen Menschen, der solch schlimme Taten begangen hat lustig machen? Ja das sollte man sogar und zwar aus dem einfachen Grund, dass er dann nicht mehr als etwas Heroisches da steht, sondern wie ein Trottel, der er ja nun einmal war. Brecht versucht durch dieses Werk den Leuten klar zu machen, dass Hitler und seine Männer “keine großen politischen Verbrecher, sondern die Verüber großer politischer Verbrechen” waren, wie es im Anhang zum Buch heißt.

Sicher nutzt Brecht eine manchmal komplizierte und hochgegriffene Sprache, die weder zum Gangster- noch zum Nazitum passt. Sie zeigt aber auch, wie im Dritten Reich vieles beschönigt wurde, wie zum Beispiel durch Worte wie “Reichskristallnacht”, die etwas so Schreckliches in einem besseren Licht erscheinen lassen sollten. Sich der Thematik so humorvoll zu widmen, war auf der einen Seite mutig von Brecht, der das Werk 1941 fertigstellte, auch wenn es erst 1958 uraufgeführt wurde, auf der anderen Seite vielleicht auch eine kleine Entlastung für all Jene, die den Krieg und Hitler als Mensch als so schrecklich empfunden haben und mit Angst gegenüberstanden.

Wie gesagt, ich finde das Buch sehr gelungen. Allein der großartigen Idee wegen, die Thematik des Nationalsozialismus so zu verarbeiten. Aber auch wegen mancher abstrakter Dialoge, wie der im Gerichtssaal, während des Speicherbrandprozesses, der, nun ja, sagen wir mal, nicht ganz neutral abläuft. Einige von euch, die auch dem Deutsch Leistungskurs angehören, werden das Buch (so hoffe ich doch) so wie so lesen, ich lege es aber auch jedem Anderen wärmstens ans Herz.